Zurück zur Schule in Pakistan: Hamzas und Mustafas Geschichte
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In Karatschi sitzen Hamza, 12, und Mustafa, 14, auf einer bunten Matte in ihrem winzigen Klassenraum. Die Jungen heben eifrig die Hände, um Fragen zu beantworten. Die heutige Unterrichtsstunde ist in ein Spiel verpackt, das „Gerade und Ungerade“ heißt, in dem Schüler einfache Matheaufgaben lösen - begleitet von Lachen und schnellem Kopfrechnen.
Noch vor ein paar Jahren hätten sich die beiden nicht vorstellen können, dass ihnen Unterricht Spaß macht. Beide mussten die Schule abbrechen, weil ihre Eltern das Schulgeld nicht zahlen konnten. Traurig waren sie darüber nicht, denn Schule war langweilig.
Kinder in Pakistan gehen nicht zur Schule
Der Zugang zu guter Bildung in Pakistan ist schwierig. Viele Familien haben kein Geld für Schulgebühren, Uniformen und Lernmaterialien. Viele öffentliche Schulen sind weit entfernt und überfüllt. Fast 22,8 Millionen Kinder in Pakistan gehen nicht zur Schule und besonders betroffen sind Familien, die in Armut leben.
Das war auch die Geschichte von Hamza und Mustafa. Das Gehalt ihrer Mutter Farhat reichte nicht für die Schulgebühren. Farhat machte sich Sorgen um die Zukunft ihrer Jungs: Sie wusste, dass fehlende Schulbildung ihre Chancen stark einschränkt.
Mustafa und Hamza machte es nichts aus, nicht mehr zur Schule zu gehen. „Wir hatten kein Interesse an der Schule“, sagt Mustafa. „Wir sind einfach durch die Straßen gezogen, haben Drachen steigen lassen und den ganzen Tag Fußball gespielt.“
Eines Tages erzählte eine Kollegin Farhat, dass ihre Tochter Shaheena ein Bildungsprogramm in einem nahegelegenen NFE-Zentrum (Non-Formal-Education Centre) begonnen hatte - als Teil des Roshan Rastay-Programms von Right To Play, das durch die The Light Foundation finanziert wird.
„Ich hatte überhaupt kein Interesse an Bildung. Aber ich mochte Spiele, also ging ich hin.“ - Hamza, 12 Jahre
Die NFE-Zentren bieten ein strukturiertes, schnelles Lernprogramm außerhalb des regulären Schulsystems, speziell für Kinder, die lange keine Schule besucht haben. So können sie fünf Jahre Grundschule in nur zwei Jahren nachholen und ein offizielles Zertifikat erhalten, das ihnen den Wiedereinstieg in das normale Schulsystem ermöglicht. Der Unterricht findet in verschiedenen informellen Lernräumen statt, etwa in Gemeindezentren oder in den Häusern von Lehrkräften - dort, wo die Kinder leben. Die Lehrkräfte vermitteln Lese- und Schreibkompetenzen, Mathematik und andere Lerninhalte durch spielerische Methoden - so wird das Lernen leichter, macht Spaß und fördert die aktive Teilnahme.
Farhat meldete ihre Söhne an, in der Hoffnung, dass ihnen dort das Lernen Spaß macht. Die Brüder waren skeptisch: „Meine Mutter hat mir von den Spielen erzählt. Sie sagte: ‘Geh einfach hin wegen der Spiele, probier’s aus…’. Ich hatte überhaupt kein Interesse an Bildung. Aber ich mochte Spiele, also bin ich hingegangen“, erinnert sich Hamza.
Kinder entdecken Spaß am Lernen
Im Klassenraum setzte die Lehrerin, Ms. Shaheena, das Versprechen ihrer Mutter um. Mit Spielen unterstützte sie Hamza und Mustafa bei grundlegenden Fähigkeiten, wie Lesen, Rechnen sowie Teamwork und Selbstvertrauen.
„Ich bringe ihnen Konjunktionen mit einem Spiel namens Hope Hope Joy (Hoffnung, Hoffnung, Freude) bei“, erklärt sie. „Das Spiel ist ähnlich wie ‘Plumpsack‘, aber mit einem Lerneffekt.“ Die Kinder sitzen im Kreis, ein Kind geht herum, tippt anderen auf den Kopf und sagt „hope, hope, hope… joy!“. Beim Wort „joy“ springt das angetippte Kind auf, und beide rennen um den Kreis. Wer es nicht rechtzeitig auf den freien Platz schafft, nimmt eine passende Karteikarte, liest das Wort laut vor und setzt die Karte in einen Lückentext an der Wand ein.
„Ich möchte, dass diese Kinder eine Zukunft vor sich sehen, Hoffnung haben und Fähigkeiten erwerben, die sie für ein erfolgreiches Leben brauchen“, - Ms. Shaheena.
„Es macht Spaß und ist zugleich effektiv“, sagt Ms Shaheena. „Die Kinder lesen, bewegen sich, denken und lernen, ohne es zu bemerken.“ Der interaktive Ansatz hilft, Wissen deutlich besser zu behalten als mit klassischen Methoden.
„Wenn man Kindern einfach nur erklärt, dass eine Konjunktion zwei Sätze verbindet, bleibt es oft nicht lange im Gedächtnis. Aber durch Spiele wie Hope Hope Joy bleibt es wirklich hängen, weil sie aktiv mitmachen und Freude haben“, sagt sie.
Kinder gehen zurück zur Schule
Am Anfang waren Hamza und Mustafa selbst noch zögerlich. Doch bei einer Aktivität im Unterricht bemerkten sie, dass jüngere Kinder Fragen beantworten konnten, die sie selbst nicht wussten. In diesem Moment regte sich etwas in ihnen - Neugier… und ein kleines bisschen Demut.
„Es hat uns ein schlechtes Gewissen gemacht. Da wurde uns klar: Wir wollen auch lernen“, erzählt Mustafa.
Die Jungen arbeiteten darauf hin, ihre Grundschulausbildung abzuschließen, um in die siebte Klasse einzusteigen. Ms. Shaheena war die ganze Zeit an ihrer Seite: Vorne im Klassenzimmer, um den Unterricht spannend zu gestalten, und gleichzeitig im Hintergrund, um Unterstützung für das Programm und das Zentrum aufzubauen. „Am Anfang hatte niemand Interesse. Aber durch monatliche Elterntreffen und die Hilfe der Gemeinschaft konnten wir die Anmeldungen kontinuierlich steigern.“
Insgesamt schlossen 90 % der 1500 Kinder der ersten Phase das Lernprogramm erfolgreich ab und erhielten ein Zertifikat, mit dem sie in das reguläre Schulsystem wechseln konnten.
Für Kinder, die Schule nie als einladenden Ort erlebt hatten, war der NFE-Ansatz absolut lebensverändernd: 95 % der Teilnehmenden sagten, nun daran zu glauben, dass sie die Sekundarschule abschließen werden.
Für Farhat war das Zentrum eine enorme Erleichterung. „Bücher, Stifte und Hefte wurden kostenlos zur Verfügung gestellt“, sagt sie. „Ich musste die Kosten nicht aufbringen. Deshalb geht es meinen Kindern heute gut.“
„Bildung hat mein Leben verändert – und ich will das mit anderen teilen“, – Mustafa, 14 Jahre.
Zukunftschancen für Kinder
Die Veränderung im Leben von Hamza und Mustafa ist wirklich beeindruckend. „Jetzt bin ich in der siebten Klasse und mir macht Lesen und Lernen Spaß“, sagt Hamza. „Ich will Ingenieur werden. Ich möchte anderen helfen, auch Neues zu lernen.“
Auch zu Hause ist der Wandel spürbar. „Früher haben sie wie Kinder von der Straße gesprochen“, erzählt Farhat. „Jetzt sind sie höflich. Ihre Ausdrucksweise und ihr Verhalten haben sich stark verbessert.“
Ms. Shaheena ist stolz auf die Fortschritte der Jungen. „Sie sind selbstbewusst, neugierig und fest entschlossen, weiter zu lernen“, sagt sie.
„Ich möchte Wissenschaftler werden und mit verschiedenen Dingen experimentieren“, erzählt Mustafa. „Bildung hat mein Leben verändert, und ich will das mit anderen teilen.“
Das Roshan Rastay-Programm wurde ins Leben gerufen, um Kindern ohne Schulzugang Bildung zu ermöglichen und die Lernqualität für Schüler:innen in Pakistan zu verbessern, die unter den unzureichenden Investitionen der Regierung in das Bildungssystem leiden.
Aktiv war das Programm von 2021 bis 2024 und wurde in Thatta, Sujawal, Karatschi und Islamabad umgesetzt – mit finanzieller Unterstützung der The Light Foundation.
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