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MIT KUNST KOMMT HOFFNUNG: NOURS GESCHICHTE

Ein junges Mädchen steht vor ihrer Klasse in Beirut und singt ein eigens geschriebenes Lied über COVID-19 und Hoffnung. Vor einem Jahr hätte sich niemand vorstellen können, dass die 11-jährige Nour einmal eine führende Rolle in ihrer Klasse spielen und mit Hilfe der Musik die anderen Schüler angesichts der anhaltenden Krise im Libanon bei Laune halten würde. Die Aufführung ist nur ein Stück aus einer Sammlung von Geschichten, Zeichnungen und Liedern, die sie erstellt hat und weitergibt, um ihre Mitschüler in schwierigen Zeiten zu inspirieren.

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Für Mädchen wie Nour besteht ein hohes Risiko, die Schule verlassen zu müssen. Um Nour in der Schule zu halten, musste sie psychosoziale Unterstützung erhalten, damit sie ihr Trauma überwinden und ihr Selbstvertrauen aufbauen konnte.

Nour kam mit ihren Eltern als Flüchtling aus dem syrischen Bürgerkrieg in den Libanon. Das Leben als Flüchtling bedeutete Diskriminierung und Armut. Ihre Eltern kämpften darum, eine Arbeit zu finden, mit der die Kosten für die Familie, einschließlich Nours Schulbesuch, gedeckt werden konnten. Nour schätzte zwar die Anstrengungen, die sie unternahmen, um sie zur Schule zu schicken, aber sie wünschte sich auch, dass sie nicht hingehen müsste, denn jeden Tag wurde sie von Mitschülern schikaniert, die sie verspotteten, weil sie Syrerin, ein Flüchtling und ein Mädchen war.

Da sie durch ihre Kriegserlebnisse traumatisiert war, verschlimmerte das Mobbing ihren emotionalen Zustand noch weiter und verwehrte ihr den nötigen Raum zur Heilung. Nour sprach im Unterricht kaum noch und malte immer wieder Bilder von demselben traurigen, weinenden Mädchen. Zu Hause hatte sie häufig Albträume und konnte kaum ein Wort mit ihren Eltern wechseln.

"AM ANFANG WOLLTE SIE KEIN WORT SAGEN." - SHULHOOD, TRAINER

WEGE FINDEN, UM IHRE GEFÜHLE AUSZUDRÜCKEN

Weltweit ist die Wahrscheinlichkeit, dass Flüchtlingsmädchen wie Nour die Schule nicht besuchen, um 90 % höher als bei anderen Mädchen. Rassismus, Sexismus, Armut, rechtliche Probleme und Traumata führen zu erheblichen Hindernissen, die sie überwinden müssen, nur um am Unterricht teilnehmen zu können.

Nour konnte zwar zur Schule gehen, aber ihre Notlage führte dazu, dass sie im Unterricht immer weiter zurückfiel. Sie war kurz davor, die Schule zu verlassen, als sie in einem nahe gelegenen Gemeindezentrum an einem Right-To-Play-Programm namens Music for Social Change teilnahm. Das Programm nutzt Musik und Kunst, um Flüchtlingskindern eine Möglichkeit zu geben, sich auszudrücken und sich von traumatischen Erfahrungen zu erholen.

Im Rahmen des Programms werden die Kinder ermutigt, über Situationen in ihrem Leben nachzudenken, die ihre Gefühle ausgelöst haben, und diese dann durch künstlerischen Ausdruck in positive Bahnen zu lenken, indem sie Lieder, Geschichten und Zeichnungen schaffen, die ihre Geschichte erzählen. Anschließend lernen sie, ihre Gefühle miteinander zu besprechen und Wege zu finden, mit Herausforderungen umzugehen, die negative Gefühle hervorrufen. Je sicherer sie sich selbst ausdrücken können, desto mehr erkennen die Kinder, wo sie in ihrer Gemeinde etwas zum Positiven verändern können. Zu den Themen, die die Kinder angesprochen haben, gehören die Rettung der Umwelt, die Bekämpfung von Rassismus, Sexismus und religiöser Diskriminierung und, in jüngster Zeit, die Bewältigung der geistigen und körperlichen Herausforderungen, die COVID-19 mit sich bringt.

Das Schreiben, Zeichnen und Theaterspielen gab Nour einen sicheren Weg, sich zu öffnen und ihre Gefühle auszudrücken, und half ihr, ihre Kraft zu entwickeln, um das Gesehene und Erlebte zu verarbeiten. Während einer Gruppendiskussion mit anderen Kindern stand das zuvor schweigsame Mädchen auf und sprach über den Rassismus und Sexismus, der ihr angetan worden war, und darüber, dass sie sich das nie wieder gefallen lassen würde.

"ICH SCHREIBE GERNE GESCHICHTEN, WEIL ES MIR HILFT, DAS AUSZUDRÜCKEN, WAS IN MEINEM HERZEN IST. ICH ZEICHNE GERNE, WEIL ICH DADURCH MEINE TRAURIGKEIT AUSDRÜCKEN KANN, WENN ICH SIE EMPFINDE." - NOUR, 11

"Ich schreibe gerne Geschichten, weil es mir hilft, das auszudrücken, was in meinem Herzen ist. Ich zeichne gerne, weil ich damit meine Traurigkeit ausdrücken kann, wenn ich sie empfinde", sagt Nour.

"Am Anfang sprach sie kein einziges Wort. Jetzt spielt sie Musik, lernt technische musikalische Fertigkeiten, und ihr Selbstvertrauen ist bemerkenswert", sagt Shulhood, ein von Right To Play ausgebildeter Coach, der mit Nour gearbeitet hat.

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Die Kunst bot Nour eine sichere Möglichkeit, ihre Gefühle auszudrücken. Dadurch steigerte sich ihr Selbstwertgefühl und machte von ihrem Recht gebrauch, gehört zu werden.

VERZWEIFLUNG WIDERSTEHEN UND GLEICHALTRIGE INSPIRIEREN

Die Entdeckung ihrer Stimme half Nour, sich wieder für die Schule zu entscheiden. Sie fürchtete sich nicht mehr davor, jeden Tag in die Klasse zu gehen, und wusste, dass sie sich gegen Mobber behaupten konnte. Als sie sich ihnen entgegenstellte, erkannten die anderen Kinder, dass ihr Verhalten falsch war, und begannen, sie zu akzeptieren. Sie nahm die neue Akzeptanz ihrer Mitschüler zum Anlass, mit ihnen über soziale Themen wie Umwelt, Rassismus und die Rechte von Mädchen zu sprechen, über die sie im Rahmen von Music for Social Change gelernt hatte. Die Gespräche brachten sie auf Ideen, die sie in Lieder, Geschichten und Zeichnungen umsetzte.

Nour fühlte sich beim Schreiben und Auftreten sehr wohl, auch wenn sich die Herausforderungen weiter häuften. COVID-19 schloss die Schulen im Libanon für den größten Teil des Jahres 2020, und die Explosion in Beirut im August war für Tausende verheerend. Doch dank der Fähigkeiten, die Nour erlernt hatte, blieb sie widerstandsfähig und wollte unbedingt wieder zur Schule gehen.

"COVID-19 hat alle Kinder der Welt gefangen genommen, aber ich kann es durch das Schreiben überwinden", sagt Nour.

The resisting earth by Nour
Nours Zeichnung "Die widerständige Erde" zeigt, wie sich die Erde gegen COVID-19 wehrt. Sie malte es, um ihren Mitschülern, darunter auch anderen Flüchtlingsschülern wie ihr, zu helfen, die Hoffnung nicht aufzugeben.

Als der Unterricht im Herbst 2020 wieder aufgenommen wurde, übernahm sie die Rolle eines Junior Leaders und half anderen Flüchtlingskindern, die sich genauso schwer taten wie sie selbst, indem sie Geschichten und Lieder schrieb und mit ihnen teilte.

Zusammen mit ihren Liedern und Geschichten schuf Nour ein Gemälde mit dem Titel "Die widerständige Erde", das sie mit ihrer Klasse und ihren Freunden teilte, um ihnen zu zeigen, dass sie trotz des Kampfes des Libanon gegen COVID-19 an der Hoffnung festhalten sollten. "Ich war glücklich, weil ich das Gefühl hatte, etwas Wichtiges getan zu haben", sagt sie.

"Ich möchte, dass sie die Zeichnung in einem hoffnungsvollen Licht sehen und nicht in einem negativen, denn das würde mich traurig machen. Ich sage meinen Freunden, dass sie immer stark bleiben sollen."

"COVID-19 HAT ALLE KINDER DER WELT GEFANGEN GENOMMEN, ABER ICH KANN ES DURCH DAS SCHREIBEN ÜBERWINDEN." - NOUR