Senegal: Elisabeth wird Ringerin

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Die späte Nachmittagssonne taucht den weißen Sand von Oussouye im Süden des Senegal in warmes Licht, als Elisabeth den Ringplatz betritt. Sie amtet tief ein, senkt die Schultern und stürzt sich voran auf ihre Gegnerin. Ein Griff, eine Drehung, ein kräftiger Stoß. Jubel brandet auf: „Champion!“. Elisabeth steht auf mit strahlenden Augen. Mit gerade einmal 15 Jahren fühlt sie sich hier stark und am richtigen Platz.

Dies war nicht immer so. Elisabeth wurde 2010 staatenlos geboren, nachdem ihre Eltern 12 Jahre zuvor aus Guinea-Bissau in den Senegal geflohen waren. Doch ohne Staatsangehörigkeit waren ihre Chancen eingeschränkt. Und als Mädchen war es schwierig, sichere Orte zum Spielen und Lernen zu finden.

Elisabeth findet durch das Ringen Kraft, Identität und Zugehörigkeit.

Geschlechtergerechtigkeit im Sport

Elisabeth musste mit ihren Eltern in ein Dorf nahe der Grenze zwischen Guinea-Bissau und dem Senegal ziehen, um zur Schule zu gehen. Dort sah sie auch die Jungen ringen und Fußball spielen. Ringen zog sie magisch an, und sie machte inoffiziell mit beim Training und bei Turnieren. Doch es gab auch Gerede und Widerstand. „Leute sagten, Ringen wäre nichts für Mädchen“, erinnert sich Elisabeth.

Mädchen im Senegal kämpfen mit vielen Hindernissen, nicht nur im Sport. Traditionelle Vorstellungen über Geschlechterrollen verhindern, dass Mädchen gleiche Chancen wie Jungen erhalten. Etwa drei von zehn Mädchen werden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet. Studien der UNESCO zeigen, dass fast die Hälfte der Mädchen im Jugendalter den Sport aufgibt - weit mehr als bei den Jungen.

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Elisabeth träumt davon, zu ringen.

PERSPEKTIVE SCHAFFEN

Elisabeths Leben änderte sich, als ihre ältere Schwester Jeannine einem Ringerclub beitrat, der im Rahmen des Projekts „Renforcement des Capacités des Filles par le Sport et le Jeu“ (RECAF-Jeu) von Right To Play unterstützt wurde. Das Projekt in den Gemeinden Sédhiou und Ziguinchor, gefördert von Global Affairs Canada, bildet Trainer:innnen aus und stärkt das Selbstvertrauen von Mädchen. Ziel ist es, dass Mädchen frei spielen, Selbstvertrauen aufbauen, Führungsrollen übernehmen und ihre Rechte auf Bildung und Sport wahrnehmen können.

Jeannine wurde zertifizierte Ringertrainerin und ermutigte Elisabeth zur Teilnahme an einem Kompetenzförderungs-Camp. Zum ersten Mal rang Elisabeth gemeinsam mit anderen Mädchen. Sie liebte es und fühlte sich endlich zugehörig.

„Im Camp habe ich gelernt, dass ich auch alles schaffe, was ein Junge kann.“
- Elisabeth

Als Jeannine verletzt ausfiel, sprang Elisabeth ein und erkannte, wie gut sie mittlerweile im Ringen war. „An meinem ersten Tag habe ich gleich gewonnen“, sagt sie lächelnd.

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Ihre Freunde feiern Elisabeth als Siegerin.

Durch das professionelle Training, das gute Umfeld und das mentale Coaching stärkte Elisabeth ihr Selbstvertrauen. Ihre Technik fiel Trainer:innen auf, und bald wurde sie für ein nationales Talent-Scouting der U17 eingeladen.

Um Senegal international vertreten zu können, benötigte Elisabeth jedoch die Staatsangehörigkeit. Lokale Autoritäten unterstützte die Familien bei den Anträgen - mit Erfolg! Elisabeth kann nun als Senegalesin an nationalen Turnieren und internationalen Wettbewerben teilnehmen. Sie gewann Medaillen in Ziguinchor, Frankreich und Marokko und wurde für die Olympischen Jugendspiele 2026 in Dakar nominiert. Im Rückblick bedeutet für Elisabeth der Sport alles für ihren Lebensweg. „Ich hätte nie gedacht, dass mir der Sport eine Identität geben würde.“

„Ich hätte nie gedacht, dass mir der Sport eine Identität gibt.“
- Elisabeth

PSYCHOSOZIALE UNTERSTÜTZUNG DURCH SPORT

Ihre Trainerin Dieynaba begleitete ihre Entwicklung vier Jahre lang. Von einer Anfängerin ist Elisabeth zu einer selbstbewussten Vorbildfigur geworden, die jüngere Mädchen im Verein unterstützt und Ringertechniken vermittelt. „Im Training gibt sie alles“, sagt ihre Trainerin.

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Vom Lernenden zum Coach: Elisabeth zeigt einer Teamkollegin einen Takedown.

Elisabeth möchte, dass andere Mädchen den gleichen Weg gehen können wie sie: Sichere Trainingsorte, professionelle Trainer:innen und Mitspracherecht bei Lebensentscheidungen. Dafür setzt sie sich tagtäglich ein und gibt mit ihrer Karriere ein praktisches Beispiel.

„Der Sport hat mir Kraft gegeben und einen Ort, an dem ich mich zu Hause fühle.“
- Elisabeth


Das Projekt „Renforcement des capacités des filles par le sport et le jeu“ (RECAF-Jeu), das von Right To Play mit finanzieller Unterstützung von Global Affairs Canada umgesetzt wird, stärkt junge Menschen, insbesondere Mädchen, in Sédhiou und Ziguinchor im Senegal dabei, Lebenskompetenzen aufzubauen, die Gleichstellung der Geschlechter zu fördern, gesellschaftliche Barrieren zu überwinden und durch Sport eine Führungsrolle zu übernehmen. Bis heute hat das Projekt über 10.000 junge Menschen erreicht.

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